Der Papst ist ja auch ökologisch geworden. So ökologisch, dass er im Dezember 2008 bekannt gab, Homosexualität zu bekämpfen sei so wichtig wie die Abholzung des Regenwaldes zu verhindern. Das kann man so sehen. Muss man aber nicht. Peter Tatchell, weltweit bekannter Menschenrechtler, vor allem für Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle (LGBT), und Abgeordneter der britischen Grünen, vertritt beispielsweise einen ganz anderen Standpunkt. Er antwortete dem Papst folgerichtig: "Homosexualität ist ein Teil menschlicher Ökologie. Sie hat in allen Kulturen und Epochen existiert. Zu einem Zeitpunkt der weltweiten Überbevölkerung leisten schwule und lesbische Paare durch Kinderlosigkeit ihren Beitrag, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten und den Druck auf die bereits überstrapazierten natürlichen Ressourcen zu reduzieren. Wir sind eine ökologische Bereicherung für die Menschheit." Sieht man davon ab, dass es eine Vielzahl schwuler und lesbischer Paare gibt, die alles daransetzen, um eigene Kinder zu haben (laut Schätzungen ziehen zwei Millionen Lesben 650.000 Kinder groß), so ist dies trotzdem ein sehr interessanter Gedankengang, der es erlaubt, über die Natur der Umweltbewegung nachzudenken. Es scheint an der Zeit zu überprüfen, ob und wie Öko- und LGBT-Bewegung zusammen die Welt verbessern können. Über LGBT- und Öko-Bewegung Beide Bewegungen existierten bereits vor dem Zweiten Weltkrieg, ihre moderne Form entstand jedoch in der Nachkriegszeit. So ist das beständige Engagement der umweltorientierten Bürgerbewegungen seit den 70er- und 80er-Jahren ein wichtiger Faktor, der die heutige Priorität von Umweltthemen auf der politischen Agenda mitbegründet hat. Die LGBT-Bewegung setzt sich seit Gründung der Bundesrepublik für eine Gleichberechtigung von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen ein. Bis heute sind dabei schrittweise Erfolge zu verzeichnen, vor allem die Tilgung des Paragraphen 175 aus dem Strafgesetzbuch, der Homosexualität unter Strafe stellte, im Jahr 1994 und das Gesetz über die Eingetragene Lebenspartnerschaft 2001. Ein wichtiges Anliegen der LGBT-Bewegung ist es, die Gesellschaft auf die Menschen aufmerksam zu machen, die sie zeitweise gerne übersieht oder bewusst ausgegrenzt. LGBT- und Öko-Themen hatten in der Nachkriegszeit insofern Überschneidungspunkte, als beide von der Hippie- und der 68er-Bewegung aufgenommen wurden. Doch unter den Jugendbewegungen kam es auch zu Aufspaltungen, gerade in den 70er-Jahren. Da waren auf der einen Seite die Hippies mit ihrem typischen Styling, die besonders an ökologischen Themen interessiert waren. Auf der anderen Seite tanzte die Disco-Bewegung in Glitzer und hohen Schuhen. Hier fanden sich neben Schwarzen auch viele Schwule wieder. Ökologie war allerdings kein beherrschendes Thema, vielmehr der individuelle Ausdruck über Musik und Tanz. Die größte Gemeinsamkeit beider Gruppen waren die Schlaghosen. Wider die Natur? Man kann auch argumentieren, dass Öko und LGBT gar nicht zueinander passen. Immerhin will die Umweltbewegung alles fördern, was "natürlich" ist, und Lesben, Schwule, Bi- oder Transsexuelle sind in der konservativen Betrachtung gerade nicht natürlich, sondern "wider die Natur". Hier stellt sich aber die Frage: Was ist eigentlich natürlich und was nicht? Ist Sex überhaupt etwas, das ökologisch sein kann oder sein sollte? Hier ist vielleicht ein entscheidender Unterschied zwischen Öko- und LGBT-Bewegung. In der LGBT-Bewegung geht es viel um persönliche Freiheit, die Freiheit privat tun und lassen zu können, was du willst. So sind viele Schwule und Lesben bei den jungen Liberalen engagiert. Der Öko-Bewegung geht es eher um Verantwortung - der Umwelt und den Menschen dieser und der nächsten Generation gegenüber. Es gibt auch noch weitere Unterschiede zwischen der Umwelt- und der LGBT-Bewegung. Als Lesbe bin ich immer Teil der LGBT-Bewegung, egal, ob ich mich politisch engagiere oder nicht. Überall wo ich hinkomme, mich oute oder öffentlich eine andere Frau küsse, müssen die Leute in meiner Umgebung in irgendeiner Form reagieren. Die LGBT-Bewegung wird von Leuten getragen, die genau dies sind: Lesbisch, Schwul, Bisexuell oder Transsexuell. Anders verhält es sich mit der Umwelt. Es ist meine freie Wahl, ein Öko zu sein und ökologische Themen in meiner Umgebung anzusprechen. Peter Tatchell realisiert beides gleichzeitig und ist damit trotz aller Unterschiede ein Vorbild für die gesellschaftliche Entwicklung. Wieder Politik Tatchell verkörpert die Verschmelzung von LGBT und Umwelt. Wie wichtig beide Themen politisch sind, zeigte der Bundestagswahlkampf 2009. Alle Parteien gingen in ihren Programmen in irgendeiner Form auf die Themen Umwelt und LGBT ein, auch, wenn sie nicht zu ihren Kernanliegen gehören. Auf der einen Seite stehen solche Parteien, die stark von den 68-ern beeinflusst wurden. Die Grünen sind aus den Visionen der 68er Bewegung entstanden. Dass diese Partei sich von Anfang an für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bi- oder Transsexuellen einsetzte, zeigt die Verknüpfung beider Themen. Die Linkspartei fordert ebenfalls eine Abschaffung des heterosexuellen Normzustandes wie auch zahlreiche Verbesserungen im Umweltschutz. Beides ist allerdings nicht Kern des Sozialismus. Die Linkspartei hat sich also in vielerlei Hinsicht weiterentwickelt und hat Elemente beider Bewegungen aufgenommen. Auf der anderen Seite nehmen die bürgerlichen Parteien Aspekte beider Bewegungen in ihr Programm auf, auch wenn diese nicht immer dem eigentlichen Parteienprofil entsprechen. Die FDP befürwortet ein Adoptionsrecht für Lesben und Schwule (wenn auch nicht das Antidiskriminierungsgestz) und macht sich Gedanken zum Klimaschutz, wenngleich sie für Gentechnik und Atomkraft ist. Die CDU, obwohl sie weiterhin die Sonderstellung der Ehe verteidigt, stellt fest, dass "auch in solchen Beziehungen [d.h. anderen als der Ehe] Werte gelebt werden, die grundlegend für unsere Gesellschaft sind. Dies gilt auch für gleichgeschlechtliche Partnerschaften." In der deutschen Politik sind LGBT- und Umwelt-Themen demnach inzwischen Bestandteil des guten Tons. Über den Tellerand - und zurück In einer pluralistischen Gesellschaft wie der heutigen ist es schwierig, eine bessere Welt zu schaffen, die zum Wohle aller Menschen und der Umwelt gereicht. Wie geht man zum Beispiel damit um, wenn sich andere Länder weder um Umwelt-Belange noch um LGBT-Rechte scheren, weil es nicht zu deren eigener Kultur gehört? Indem man einen Imperialismus der westlichen Werte aufstellt? FDP-Chef Guido Westerwelle will als zukünftiger Außenminister solchen Ländern die Entwicklungshilfe streichen, in denen Homosexualität strafbar ist. Ist das übertrieben? Sicherlich. Aber warum? Wäre es auch übertrieben, wenn es um Religionsfreiheit ginge? Sollte man Entwicklungshilfe auch an Umweltstandards koppeln? Länder wie Indien haben sowohl Homosexualität straffrei gestellt als auch höhere Umweltstandards eingeführt. Doch viele Inder sehen dies als Zugeständnisse an den Westen, die den eigenen Vorstellungen widersprechen. Am besten ist es wohl, sich an die eigene Nase zu packen und in Europa, das ja bekanntermaßen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verpflichtet ist, den Worten Taten folgen zu lassen. Umwelt und LGBT sind nach wie vor Themen, die für viele Menschen in unserer Gesellschaft unbequem sind. Beides wird gerne mal hinten angestellt, meistens dann, wenn es Probleme auf dem Arbeitsmarkt gibt. Umso wichtiger ist es, voneinander zu lernen und sich gegenseitig zu unterstützen. Immerhin, wer ökologisch denkt, sollte tolerant sein, denn in der Natur kommt nicht nur alles vor, sondern alles ergänzt sich auch. Und wer als Lesbe, Schwuler, Bisexueller oder Transsexueller Jahrzehnte lang für seinen Platz in der Welt kämpft, sollte sich der Tatsache bewusst sein, dass ohne die eigene Anstrengung, die Welt bald für niemanden mehr Platz hat. Essay von Amelie Wachner Quelle: RABE RALF Ausgabe Okt/Nov 2009 http://www.grueneliga-berlin.de/?page_id=181 Wir danken der Autorin für ihren Artikel.

